Heinrich-Zille-Str. 1 Lauchhammer
Lauchhammer / Bukowc

Heinrich-Zille-Str. 1 - Foto: Friederike Kalz

© Photographer Friederike Kalz

Adresse 01979 Lauchhammer/Bukowc, Heinrich-Zille-Straße 1

Infos über den Veranstaltungsort

Die historischen Bauten, die in der Blütezeit Lauchhammers in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren errichtet wurden, sind in die Jahre gekommen. Bevor sie umfassend saniert werden, können Künstler:innen ihre Erfahrungen und Vorstellungen von der bereits im Gange befindlichen Transformation der Lausitz sowie ihre Träume und Wünsche in Bezug auf die Zukunft derselben in einem der Wohnblöcke zum Ausdruck bringen.

Lauchhammer Neustadt 1 ist geprägt von langen Zeilenbauten aus der prosperierenden Zeit der 50er und 60er Jahre der ehemaligen DDR, deren Fenster heute leer sind. Einst als Wohnort für Arbeiter:innen der umliegenden Industrie geplant, war dieser Teil von Lauchhammer nicht nur ein Symbol für Aufbruch und Versorgungssicherheit, sondern auch für Stabilität und Zukunftsversprechen. Mit dem Rückgang der Industrie und dem Ende der Braunkohle verlor das Viertel seine Grundlagen. Wohnungen wurden aufgegeben, ganze Häuserzeilen vernagelt und die Infrastrukturen verschwanden schrittweise. Was bleibt, ist eine fragmentierte Stadtlandschaft, in der sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern.

Zwischen verbliebenen Bewohner:innen, brachliegenden Flächen und ersten Ansätzen neuer Nutzung zeigt sich der Strukturwandel hier im Kleinen. Lauchhammer Neustadt 1 steht exemplarisch für die Frage, wie Orte weiterbestehen können, wenn ihre ursprüngliche Funktion wegfällt und welche neuen Bedeutungen sich in den Leerstellen entwickeln können.

Für die Lausitz Biennale wird einer der leerstehenden Wohnblocks erstmals wieder geöffnet und als temporärer Raum künstlerisch bespielt, in dem Fragen nach Verlust, Erinnerung und Zukunft neu verhandelt werden.
Künstlerische Positionen

Christian Hasuchas Arbeit „m i t t l e r w e i l e“ bespielt die rund 50 Meter lange Fassade eines leerstehenden Gebäudes. Ausgehend von zugemauerten und mit Holzplatten verschlossenen Fenstern greift Hasucha das bestehende visuelle Patchwork auf und ergänzt es durch zwölf weitere Platten im ersten Obergeschoss. Darauf erscheinen überdimensionierte Buchstaben, die zusammen das Wort „mittlerweile“ bilden. Abends und nachts werden die Buchstaben durch Lichtprojektionen sichtbar. Im Wechsel von Erscheinen und Verschwinden wird das „Mittlerweile“ als Zustand des Übergangs erfahrbar.

Claudia Pilsl nutzt eine partizipative fotografische Technik kameraloser Fotografie. bei der Pflanzen direkt auf lichtempfindlichem Material abgebildet werden. Gemeinsam mit Bewohner:innen sammelt sie auf Spaziergänge durch den Stadtteil heimische Pflanzen, in einer der leerstehenden Wohnungen vermittelt Pilsl die fotografische Technik und eröffnet einen Raum für gemeinsames künstlerisches Arbeiten.

Das Künstlerinnenduo Matrosenhunde realisiert mit „Noch ist nichts verloren“ eine interaktive Installation, die das Gebäude Zillestraße 1 in ein begehbares Buch verwandelt. Großformatige Stoffbahnen, die aus Fenstern und von Balkonen hängen, tragen Zeichnungen und Textfragmente aus Gesprächen mit Bewohner:innen. Persönliche Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen und historische Spuren verweben sich zu einem vielschichtigen Narrativ. Ein QR-Code führt zu erweiterten Texten und einer digitalen Karte der Gesprächsorte.

Anke Hannemanns Installation „VERITAS“ verbindet eine modifizierte Nähmaschine des VEB Nähmaschinen Wittenberge mit einer historischen Hochzeitsfotografie ihrer Urgroßeltern in sorbischer Tracht. Die Maschine näht mit vergoldeter Nadel unaufhörlich im Rückwärtsgang – ein Prozess, der kein Produkt hervorbringt, sondern sich selbst aufhebt.

Diese Bewegung wird zum Sinnbild für den Versuch, Vergangenes festzuhalten, ohne es tatsächlich zurückholen zu können.

Das partizipative Projekt „Spurlos verschwunden“ von Frida Teller und Marie Kublik widmet sich der Frage nach der Sichtbarkeit von Lyrikerinnen in der DDR und heute. In Workshops treten Texte von DDR-Autorinnen in Dialog mit den Stimmen der Gegenwart. Drei Schreibwerkstätten werden durch zwei Stick-Workshops ergänzt, in denen Verse und persönliche Aussagen auf Stoff übertragen werden.

Im Zentrum von Anja Nürnbergs großformatigen Kohlestiftzeichnungen „Ikarus 280.3 – Niederlausitzer Stimmen“ steht der Gelenkbus Ikarus 280.3 – einst ein prägendes Element des Alltags in der DDR. Die Arbeiten verdichten Erinnerungen an überfüllte Busfahrten, den Geruch von Diesel und Kohlestaub sowie soziale Dynamiken („Schlenki“ und „Schlipsbus“) zu einem atmosphärischen Bildraum.

Louisa Frauenheim entwickelt eine Sound-Boden-Installation in einem ehemaligen Wartebereich einer Bushaltestelle. Mehrere Megafone erzeugen in Intervallen das Dröhnen von Presslufthämmern, gefolgt von Phasen absoluter Stille. Diese rhythmische Abfolge wird körperlich erfahrbar und verweist auf Spannungsfelder zwischen Arbeit und Zerstörung, Fortschritt und Überforderung.

Die Videoarbeit „Letzte Kumpel“ von Johannes Weilandt porträtiert vier ehemalige Bergleute aus dem Mansfelder Land und ihre Perspektiven auf eine verschwundene Arbeitswelt. Im Mittelpunkt stehen Erinnerungen an körperliche Arbeit, Kameradschaft und den Verlust eines identitätsstiftenden Systems. Heute treffen sich die Protagonisten in einem Schützenverein – einem neuen sozialen Raum im postindustriellen Alltag. Ein begleitendes Gesprächsformat lädt das Publikum zur direkten Auseinandersetzung mit den Themen ein.